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Chemie-Labor: So handeln Sie in Unfall-Situationen richtig

1 1 Beurteilungen
Urheber: Gerhard Seybert

Von Rafael de la Roza,

Unfälle sind in chemischen Laboratorien nie ganz auszuschließen, nicht nur durch Gefahrstoffe, sondern auch etwa durch Schnittverletzungen, wenn einmal ein Glaskolben zu Bruch geht. Na klar, für derartige Zwischenfälle haben Sie bestens vorgesorgt: Überall hängen – wie vorgeschrieben – die nötigen Betriebsanweisungen aus, regelmäßige Sicherheitsunterweisungen sind bei Ihnen selbstverständlich, ausreichendes Erste-Hilfe-Material ist vorhanden. Aber: Wenn es doch zu einem Unfall kommt, können ganz normale menschliche Schwächen der Anwesenden einen entscheidenden Einfluss auf die schnelle und richtige Versorgung des Opfers haben. Denn einen klaren Kopf zu behalten ist leicht gesagt, wenn in der Hektik der Situation alles drunter und drüber geht. Meist wird dies in Sicherheitsschulungen übersehen. Darum sollten Sie Ihre Kollegen nicht nur wissensmäßig, sondern auch mental auf eine Notfallsituation vorbereiten.

Ein einfaches Beispiel: Bekanntlich ist mit Chemikalien durchtränkte Kleidung vollständig abzulegen. Wer aber steht schon gern in Unterhosen da? Die Akzeptanz für eine solche – für viele peinliche – Notfallmaßnahme können Sie steigern, indem Sie neuen Beschäftigten nachdrücklich nahelegen, am Arbeitsplatz eine komplette Garnitur Ersatzkleidung bereitzuhalten. Dazu sollte freilich jedem Kollegen – vom ersten Arbeitstag an! – ein Garderobenspind zur Verfügung stehen.

Spielen Sie Gefahrensituationen real durch

Um in Gefahrensituationen rasch das Richtige zu tun, hilft es, sich diese möglichst plastisch vorstellen. Etwa: „Was mache ich, wenn die Flasche mit dem Gift jetzt herunterfällt? Was ist das Wichtigste? Was muss zuerst erledigt werden?“ Üben Sie diese und ähnliche Situationen in Ihren Sicherheitsunterweisungen – nicht nur anhand der Betriebsanweisungen, sondern indem Sie wirklich eine Flasche am Boden „zerdeppern“ (die natürlich nur Wasser und keine Chemikalien enthalten sollte). Solche Übungen sollten Sie nicht nur mit neuen Mitarbeitern, sondern auch mit „alten Hasen“ immer wieder durchexerzieren.

Umgang mit widersprüchlichen Informationen

Stellen Sie sich auch darauf ein, dass Sie es mit widersprüchlichen Informationen zu tun haben können, wenn der Erste-Hilfe-Fall eintritt. Die notwendigen Erste-Hilfe-Maßnahmen nach einer Chemikalienexposition entnehmen Sie bekanntlich den Sicherheitsdatenblättern ( SDB). Es kommt aber auch vor, dass dort etwas anderes steht als auf der Verpackung, z. B. weil Ihres nicht auf dem neuesten Stand ist: Erbrechen „ja oder nein?“ Mit Wasser waschen oder mit PEG 400 abtupfen (gebräuchliches Mittel zur Giftentfernung von der Haut)? Was also tun?

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Sprechen Sie die richtigen Erste-Hilfe-Leistungen in Ihrem Labor – natürlich im Vorfeld – mit Ihrem Betriebsarzt ab. Sorgen Sie dafür, dass er Ihre Ersthelfer rechtzeitig entsprechend schult. Moderne Erste Hilfe ist so einfach wie möglich. Auch bei krebserzeugenden oder erbgutverändernden Stoffen sind im Regelfall die normalen Standardmaßnahmen in den meisten Fällen angemessen und ausreichend. Die Hauptsache ist, dass es schnell geht!

Die häufigsten Unfälle in Laboren und wie Sie richtig reagieren

1. Maßnahmen bei Hautkontakt

Hier gilt: Die Chemikalie auf der Haut muss so schnell wie möglich entfernt werden! Am schnellsten geht das mit Wasser aus dem nächsten Wasserhahn, auch wenn das SDB – etwa bei schlecht wasserlöslichen Substanzen – etwas anderes empfiehlt. Denn die empfohlene Alternative steckt meist in einer Flasche, die erst vom Regal oder aus einem Schrank genommen und aufgeschraubt werden muss. Vielleicht steht sie auch im Nachbarraum – das kostet aber viel wertvolle Zeit. Also fangen Sie sofort mit Wasser an, und machen Sie mit dem empfohlenen Mittel weiter, sobald es da ist.

Wichtig beim Spülen mit Wasser:Es darf nur so warm sein, wie es für das Wohlbefinden unbedingt notwendig ist, da erwärmte Haut das Gift besser aufnimmt.

Worauf Ersthelfer noch achten müssen

  • Eigensicherung geht vor: Setzen Sie sich keinen Dämpfen aus und fassen Sie mit bloßen Händen keine durchtränkten Kleidungsstücke an!
  • Sorgen Sie für eine diskrete Umgebung, falls das Ablegen von Kleidungsstücken erforderlich ist.
  • Und schließlich: Sichern Sie die abgelegte durchtränkte Kleidung so, dass von ihr keine Gefährdung ausgehen kann (Eimer, Beutel o. Ä.).

Besser jucken lassen

Die meisten Chemikalien verursachen beim Hautkontakt auch Reizungen: Die Haut ist mehr oder weniger gerötet, es juckt oder brennt sogar. Darum scheint es nahezuliegen, dem Verunglückten eine beruhigende Salbe auf die Haut zu geben. Dennoch: Lassen Sie es lieber jucken, denn die Salbe zieht ebenfalls in die Haut ein und nimmt möglicherweise noch verbliebenes Gift mit.

2. Wenn etwas ins Auge geht

Die nächste Augenspüleinrichtung sollte jeder im Schlaf finden können, denn jede Sekunde zählt. Zum Wasser gibt es in diesem Fall derzeit keine Alternative. Auch hier heißt es: Ausreichend lange, also mindestens 10 Minuten lang spülen! Das ist für Ersthelfer manchmal nicht leicht. Probleme können sein:

  • Der Lidschließreflex bei starken Schmerzen: Hier muss der Ersthelfer das Auge mehr oder weniger mit Gewalt aufhalten und ein zweiter spülen. Oft wird dazu die Rückenlage des Opfers empfohlen. Gut, wenn Ersthelfer dies bei ihrer Schulung geübt haben!
  • Angst des Opfers vor Verlust des Augenlichts: Der Ersthelfer muss Zuspruch leisten und beruhigen.
  • Chemikalien-Nester, vor allem bei schwerlöslichen Feststoffen: Der Helfer sollte nach dem ersten Spülen das Auge begutachten (Augen rollen lassen) und dabei auch unter dem Ober- und Unterlid nachsehen. Wenn sich etwas findet: weiterspülen, bis der Arzt kommt!

Immer zum Augenarzt

Sorgen Sie nach der Erstversorgung dafür, dass jede auch noch so harmlose Verletzung/Reizung dem Augenarzt vorgestellt wird. Gefahren drohen zum einen durch nicht sofort sichtbare Folgen von nicht vollständig rückresorbierten Substanzen, zum anderen durch eine extreme Infektionsgefahr des verletzten Auges.

3. Einatmen von Giftstoffen

Neben dem Einatmen von krebserzeugenden, erbgutverändernden oder fruchtschädigenden Substanzen besitzen insbesondere auch reizende oder ätzende Stoffe eine tückische Wirkung, weil sich nach anfänglicher scheinbarer Besserung sogar bis zu 36 Stunden später ein lebensbedrohliches Lungenödem einstellen kann.

Für den Ersthelfer ist diese Gefahr überaus schwierig zu beurteilen, weil es keine zuverlässigen Anzeichen für eine ernstzunehmende Lungenintoxikation gibt, wie etwa Hustenreiz oder auffällige Atemgeräusche. Richtig ist darum nach dem Einatmen von Gefahrstoffen immer: Reichlich Frischluft zuführen!

Die Lunge soll nach Chemikalienexposition so wenig wie möglich belastet werden. Das heißt: Selbst wenn das Opfer sich noch bei Kräften fühlt, bewegen Sie es dazu, sich ruhig hinzulegen.

Wichtig: Die Behandlung durch den Arzt kann umso gezielter erfolgen, je genauer die Ersthelfer vor Ort ermitteln können, was und wie viel das Unfallopfer eingeatmet hat. Halten Sie also für den Arzt möglichst die Verpackung und/oder das SDB bereit.

4. Keine Angst vor blutenden Wunden

Schnittverletzungen sind die mit Abstand häufigsten Unfälle im Labor. Auch harmlose Wunden können stark bluten und manche Menschen dadurch unnötig in Panik versetzen – beruhigender Zuspruch ist hier wichtig. Viele Opfer haben Angst, dass Chemikalien oder Glassplitter in die Wunde gelangt sein könnten.

Das ist jedoch so gut wie nie der Fall ist, auch wenn ein blutüberströmter, schräg hervorstehender Hautfetzen dies vorzutäuschen scheint. Die typische Schnittverletzung im Labor ist irgendwo zwischen „Pflasterfall“ und einer Wunde angesiedelt, die vom Notarzt mit ein bis 2 Stichen genäht werden muss.

Man lässt die Wunde am besten zuerst über dem Waschbecken 1 bis 2 Minuten ausbluten. Sie reinigt sich dabei von selbst – nicht mit Wasser spülen! Um zu entscheiden, ob ein Arzt hinzuzuziehen ist, ist es vorteilhaft, zunächst einmal ein Verbandstück zur Blutstillung zu verwenden, indem man 2 bis 3 Minuten damit sanft auf die Wunde drückt, ohne gleich zu verbinden. Hebt man anschließend das Verbandstück vorsichtig ab, kann man die nun nicht mehr blutende Wunde viel besser beurteilen.

Wichtig: Jede Verletzung ins Verbandbuch eintragen! Tragen Sie jede Verletzung – auch den scheinbar harmlosen „Pflasterfall“ – in das Verbandbuch ein. Denn für den Fall, dass es später doch noch zu späteren Komplikationen kommt, können Sie damit nachweisen, dass es sich um einen Arbeitsunfall handelt. Denn nur dann kommt die Berufsgenossenschaft dafür auf!

5. Was tun bei Verbrennungen?

Die unachtsam angefasste heiße Heizplatte des Magnetrührers, das übergeschwappte heiße Ölbad – kein seltener Fall im Labor. Als Sofortmaßnahme hilft hier immer eine Kühlung unter fließendem Wasser (das aber nicht eiskalt sein darf!). Auch Verbrennungen höheren Grades sollten Sie zuerst mit Wasser kühlen, großflächige Verletzungen jedoch nur mit nassen Tüchern abdecken. Salben sollten Ersthelfer nicht auftragen – die müssen später vom Arzt, der die Wunde begutachtet, erst wieder entfernt werden.

6. Verschlucken

Das Verschlucken einer Substanz kommt in einem chemischen Labor praktisch nicht vor. Falls es dennoch passieren sollte: Viel Wasser trinken lassen und sofort den Arzt hinzuziehen.

7. Personenrettung: Zuerst an Eigensicherung denken!

Auch darauf müssen Sie gefasst sein: Jemand entdeckt eine bewusstlose Person in einem Labor, in dem es nach „Chemie“ riecht – offenbar ist ein giftiges Gas ausgetreten.

Wie soll man sich richtig verhalten: Luft anhalten, rein und Opfer schnell herausziehen? Oder doch lieber erst die Atemschutzmaske holen, den richtigen Filter einschrauben, die Dichtigkeit prüfen und erst dann zur Rettung schreiten – wohl wissend, dass das alles kostbare Minuten dauert, die für das Unfallopfer tödlich sein können? – „Kein falsches Heldentum“ lautet eine Erste-Hilfe-Regel: Niemand muss sich selbst in Gefahr bringen, um anderen zu helfen.

Was Sie sich in einer solchen Situation zutrauen wollen, müssen Sie für sich selbst entscheiden. Sie sollten sich derartige Situationen deshalb immer wieder mal durch den Kopf gehen lassen.

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