Das Reifegradmodell in der Mitarbeiterführung
- Definition: Was ist das Reifegradmodell?
- Was sind die 4 Reifegrad-Stufen nach Hersey und Blanchard?
- Welche Führungsstile passen zu welchem Reifegrad?
- Reifegradmodell in der Praxis: Beispiel eines Auszubildenden
- Wie schätzt man den Reifegrad ein?
- Was sind die Vorteile der Führung nach Reifegradmodell?
- Welche Nachteile birgt die Führung nach Reifegradmodell?
- Reifegradmodell bei Teams einsetzen – so geht’s
- Reifegradmodelle nicht nur in der Führung: weitere Einsatzgebiete
- Fazit zum Reifegradmodell
Definition: Was ist das Reifegradmodell?
Das Reifegradmodell entstand Ende der 1960er Jahre als Teil der Theorie des situativen Führens. Entwickelt haben es der Verhaltensforscher und Unternehmer Paul Hersey und der Managementexperte Ken Blanchard. Zunächst trug die Theorie den Namen Life-Cycle-Theorie der Führung und wurde 1977 überarbeitet. Das Modell soll Führungspersonen helfen, je nach Entwicklungsstand und Know-how der Untergebenen (Reife) den richtigen Führungsstil zu wählen.
Der Reifegrad setzt sich zusammen aus der Motivation, also der psychischen Reife, sowie der Fähigkeit, also der Arbeitsreife, eines Mitarbeiters. In späteren Fassungen des Modells ist auch von Entwicklungsstufe oder Bereitschaft die Rede. Die Theorie geht von einer Entwicklung der Reife im Laufe der Zusammenarbeit aus. Eingeordnet wird auf einer Skala von niedrig bis hoch, vereinfacht wird dies durch die Einteilung in vier Kategorien.
Das Modell vereint Elemente aus aufgabenorientiertem und mitarbeiterorientiertem Führungsstil. Bei niedrigen Reifegraden des Personals legt der Stil mehr Augenmerk auf die Aufgaben. Mit steigender Reife rückt zunächst die Beziehung zu den Mitarbeitern stärker in den Mittelpunkt. Auf der höchsten Stufe nimmt sich die Führungskraft bei Aufgaben und Beziehung zurück und überlässt dem Personal die Verantwortung.
Was sind die 4 Reifegrad-Stufen nach Hersey und Blanchard?
Das Reifegradmodell nach Hersey und Blanchard umfasst vier Reifegrad-Stufen:
| Reifegrad-Stufe | Erläuterung |
|---|---|
| Reifegrad 1 | Der Mitarbeiter ist nicht fähig und nicht willig, die Aufgabe zu bewerkstelligen. |
| Reifegrad 2 | Der Mitarbeiter ist nicht fähig, aber willig, eine Aufgabe zu erledigen. |
| Reifegrad 3 | Der Mitarbeiter ist fähig, seine Aufgabe zufriedenstellend zu erledigen, aber nicht willig. |
| Reifegrad 4 | Der Mitarbeiter ist fähig und willig, die Aufgabe zu bewerkstelligen. |
Welche Führungsstile passen zu welchem Reifegrad?
Bei der situativen Führung bewegen sich Vorgesetzte je nach Situation innerhalb der beiden Pole „aufgabenorientiert“ und „beziehungsorientiert“. Dabei haben sie die Auswahl zwischen vier verschiedenen Führungsstilen, die sich je nach Reifegrad besonders eignen.
| Reifegrad | Führungsstil | Beschreibung des Führungsstils |
|---|---|---|
| Reifegrad 1 | Dirigieren (telling) | In dieser Phase mit autoritärem Führungsverhalten gibt die Führungskraft exakte Anweisungen und kontrolliert die Leistung. Entscheidungen trifft sie meistens allein. |
| Reifegrad 2 | Überzeugen (selling) | Der Chef gibt Einblick in die Entscheidungsfindung, erklärt den Sinn und das Ziel einzelner Aufgaben und beantwortet Rückfragen. |
| Reifegrad 3 | Partizipieren (participating) | Chef und Personal sprechen gemeinsam über Ideen, Mitarbeiter werden ermutigt, sich in die Entscheidungsfindung einzubringen und Vorschläge zu machen. Untergebene haben in dieser Phase mehr Freiheiten. |
| Reifegrad 4 | Delegieren (delegating) | Ausgewähltes, ausgereiftes Personal erhält mehr Verantwortung, trifft eigene Entscheidungen und führt diese aus. Der Chef kann Aufgaben vollständig abgeben. |
Reifegradmodell in der Praxis: Beispiel eines Auszubildenden
In der Praxis kann man die Entwicklungsstufen ganz oder teilweise zum Beispiel bei Auszubildenden in Unternehmen beobachten. Sie beginnen als ungelernte Arbeitskraft und bringen noch keine spezifischen Fähigkeiten für ihre neue Arbeitsstelle mit. Ob Motivation für die Arbeit sowie Lernbereitschaft vorhanden sind, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.
Reifegrad 1: Auszubildender braucht Dirigierung
Aufgrund des mangelnden Know-hows und fehlender Erfahrung können Azubis zu Beginn noch keine eigenen Entscheidungen treffen, kaum oder gar keine Ideen einbringen, brauchen intensive Anleitung und ihre Arbeit muss kontrolliert werden.
Der sich am Reifegrad orientierende Chef oder Ausbilder wendet in dieser Zeit meist einen autoritären Führungsstil an. Was angeordnet wird, wird gemacht.
Reifegrad 2: Auszubildender brauchen Spielraum und Überzeugung
Im Verlauf der Ausbildung lernen die Mitarbeiter dazu und werden langsam selbstständiger. Dann kann die Führungskraft langsam zum überzeugenden Führungsverhalten übergehen und Spielraum für Erklärungen oder Rückfragen geben.
Um eigene Entscheidungen zu treffen oder viel Verantwortung zu übernehmen, fehlt Auszubildenden aber noch die Erfahrung. Der Chef wendet bei diesem Personal überzeugendes Führungsverhalten an und wechselt mit wachsender Reife zum partizipierenden Führungsstil.
Dabei werden die Mitarbeiter in Entscheidungen einbezogen, dazu ermuntert Einwände und Ideen einzubringen und mehr und mehr Verantwortung zu übernehmen.
Reifegrad 3: Auszubildender benötigt nur noch Partizipation
Mit wachsender Arbeitserfahrung steigt die Reife der Mitarbeiter. Sie kennen sich mittlerweile in der Firma sehr gut aus, kennen alle Abläufe in ihrem Arbeitsbereich und können andere anleiten. Die Organisation einzelner Aufgaben übernehmen sie auch mal selbst. Durch Fortbildungen oder weiterführende Abschlüsse wie beispielsweise die Meisterprüfung erweitern sie ihre Fachkenntnisse. Sie wissen teilweise mehr über den praktischen Arbeitsablauf als die Führungsetage.
Der Chef kann ihre Meinung bei Entscheidungen ruhigen Gewissens miteinbeziehen. Sich in Diskussionen einzubringen oder nach Anweisungen Rückmeldung an den Vorgesetzten zurückzugeben, ist erwünscht. Nach und nach übernehmen einzelne Personen mit wachsender Reife immer mehr Führungs- und Ausbildungsaufgaben.
Für diese Mitarbeiter eignet sich der partizipierende Führungsstil, mit Übergang zum ausgereiften Grad 4 kann auch der delegierende Stil angewendet werden.
Reifegrad 4: Auszubildender benötigt ausschließlich Delegierung
Das Personal, das vollendeten Reifegrad erreicht hat, trifft seine Entscheidungen weitestgehend selbst. Diese Mitarbeiter zeichnen sich durch Motivation, Lernbereitschaft und sehr breit gefächertes sowie spezialisiertes Wissen aus. Sie übernehmen Verantwortung, halten Druck und Belastungen stand, können selbst führen und ihren Arbeitsalltag selbstständig gestalten.
Sie geben der Führung Input, nehmen ihr Arbeit ab und erreichen auch bei wenig Kontrolle zufriedenstellende Ergebnisse. Bei ihnen ist der delegierende Führungsstil angebracht.
Wie schätzt man den Reifegrad ein?
Wie eine Führungskraft den Reifegrad einschätzt, hängt vom Einzelfall ab. Das Modell liefert dafür keine festen Messwerte. Es hilft aber, die Einschätzung in zwei Bereiche zu teilen. Der eine ist die Fähigkeit, der andere die Motivation. Beides sollte immer auf eine bestimmte Aufgabe bezogen werden.
Bei der Fähigkeit helfen einige einfache Fragen:
- Hat der Mitarbeiter das nötige Wissen für die Aufgabe?
- Hat er ähnliche Aufgaben schon erledigt?
- Wie gut waren die Ergebnisse bisher?
- Braucht er viele Rückfragen oder löst er Probleme selbst?
Auch frühere Arbeitsergebnisse geben Hinweise darauf, wie sicher er die Aufgabe beherrscht.
Bei der Motivation geht es um die Haltung zur Aufgabe:
- Zeigt der Mitarbeiter Interesse und Eigeninitiative?
- Traut er sich die Aufgabe zu? Oder wirkt er unsicher und zurückhaltend?
Lustlosigkeit kann dabei ein Hinweis auf zu geringe Motivation sein. Sie kann aber auch bedeuten, dass sich der Mitarbeiter über- oder unterfordert fühlt.
Die Antworten liefern Beobachtungen im Arbeitsalltag und vor allem das Gespräch mit dem Mitarbeiter. Zu beachten ist außerdem, dass der Reifegrad nicht gleich bleibt. Neue Aufgaben, neue Abläufe oder ein Wechsel im Team können ihn verändern. Die Einschätzung zum Reifegrad sollte deshalb regelmäßig überprüft und bei Bedarf angepasst werden.
Was sind die Vorteile der Führung nach Reifegradmodell?
Das Reifegradmodell in der Mitarbeiterführung, vor allem in der situativen Führung, birgt einige Vorteile. Dazu gehören:
- Führung nach Mitarbeiterbedürfnissen: Der Chef passt sich den Bedürfnissen seiner Mitarbeiter an. Der Auszubildende beispielsweise bekommt Anleitung und eng gesteckte, sichere Bedingungen. Die Kreativdirektorin dagegen hat Freiheiten und kann Entscheidungen selbst treffen.
- Entlastung der Führungsebene: Das Führungspersonal muss nicht alle Entschlüsse selbst fällen oder jeden Schritt überwachen. Ausgereifte Mitarbeiter können viele Verpflichtungen eigenständig übernehmen.
- Standardprozesse und geringere Fehleranfälligkeit: Weniger reifes Personal hat kaum Freiheiten und bekommt exakte Anweisungen. Das bietet weniger Spielraum für Fehler. Aufgaben werden einheitlich ausgeführt.
Neben den Vorteilen gibt es jedoch auch einige Risiken, die mit dem Reifegradmodell einhergehen.
Welche Nachteile birgt die Führung nach Reifegradmodell?
Mit folgenden Nachteilen und Risiken ist bei der Mitarbeiterführung nach Reifestufe zu rechnen:
- Erfolg abhängig von Einschätzung der Führungskraft: Für den Reifegrad gibt es keine Tests, die diesen Faktor messbar machen würden. Die Führungskraft muss die Reife der einzelnen Mitarbeiter aber richtig einschätzen. Klappt das nicht, werden manche Personen möglicherweise nicht optimal geführt.
- Kontinuierliche Überprüfung und Anpassung des Führungsstils: Reifegrade verändern sich ständig. Sie können nicht nur Fortschritte machen, sondern auch Rückschritte. Der Chef muss das immer im Blick behalten und seinen Führungsstil anpassen.
- Beherrschung verschiedener Führungsstile: Die Führungsperson muss alle geforderten Führungsstile in allen Situationen beherrschen. Da dies auch stark persönlichkeitsabhängig ist, kann es vorkommen, dass sie nicht allen Reifegraden gerecht wird.
- Keine Erfolgsgarantie: Es ist nicht wissenschaftlich bewiesen, dass die Einteilung der Mitarbeiter nach Reife und der damit verbundene situative Führungsstil in der Praxis den gewünschten Effekt bringen.
Reifegradmodell bei Teams einsetzen – so geht’s
Es gibt Ansätze, die den Reifegrad nicht nur bei einzelnen Mitarbeitern, sondern auch bei ganzen Teams bestimmen. Dabei geht es vor allem darum, Dynamiken, den Grad der Zusammenarbeit, das gegenseitige Vertrauen, die Einstellung zur Führung und die Kommunikation innerhalb professioneller Teams zu bewerten.
Die Reife oder Fähigkeiten einzelner Personen sind dabei dagegen eher untergeordnet. Anders als bei den Reifegradbestimmungen des situativen Führungsstils werden dabei meist auch die Teammitglieder – teilweise anonym – selbst befragt. Das deckt Stärken und Schwächen im Team auf, die der Führungsperson ansonsten möglicherweise entgangen wären.
Die Analyse des Reifegrads im Team kann innerhalb von Schulungs- oder Beratungsmaßnahmen von externen Personen sowie durch Mitarbeiter aus dem Unternehmen selbst durchgeführt werden. Mit den Ergebnissen lassen sich Verbesserungen in der Zusammenarbeit und Dynamik planen und durchführen.
Reifegradmodelle nicht nur in der Führung: weitere Einsatzgebiete
Modelle zur Bestimmung der Reife oder Entwicklungsstufen finden auch in anderen Bereichen des Managements oder der Unternehmensführung Anwendung.
| Anwendung des Reifegradmodells im… | Beschreibung |
|---|---|
| Prozessmanagement | Hier lassen sich mithilfe des Reifegrades Prozesse beurteilen und optimieren sowie Entwicklungstrends beobachten. Das Modell eignet sich zudem, um den eigenen Betrieb und dessen Organisation mit anderen Unternehmen zu vergleichen. |
| Produktentwicklung | Die verschiedenen Modelle dienen hier zur Bewertung und Verbesserung der Entwicklung selbst oder auch des zu entwickelnden Produkts. Bei der Anwendung zu Bestimmung der Produktreife kann auch analysiert werden, ob Entwicklungsvorgaben erfüllt wurden. |
| Innovationsmanagement | Verwandt mit Reifegradmodellen in der Produktentwicklung sind solche, die im Bereich der Entwicklung von Innovationen angewandt werden. Sie können zur Überwachung der Entwicklung der geplante Innovation selbst oder zur Beurteilung des Innovationsmanagements angewandt werden. |
| Digitalisierung | Mit einem Reifegradmodell kann ein Unternehmen feststellen, wie weit die Digitalisierung entwickelt ist. Die Ergebnisse lassen sich nutzen, um zu analysieren, ob Ziele erreicht wurden und um den Prozess zu verbessern. |
| COBIT | COBIT ist ein Rahmenwerk der ISACA für die Steuerung der Unternehmens-IT. Das COBIT-Reifegradmodell bewertet IT-Prozesse auf einer Skala von 0 bis 5. Es wird unter anderem von IT-Auditoren genutzt, um die Qualität der IT eines Unternehmens zu überprüfen. |
| CMMI | Das CMMI-Modell wird vor allem im englischsprachigen Raum genutzt, um den Reifegrad sowie die Umsetzung von Vorgaben in der Softwareentwicklung zu überwachen und optimieren. |
Fazit zum Reifegradmodell
Das Reifegradmodell bietet Führungskräften eine verständliche Orientierung, welcher Führungsstil zu welchem Entwicklungsstand eines Mitarbeiters passt. Es zeigt, dass es nicht den einen richtigen Führungsstil gibt, sondern dass Führung zur Person und zur Aufgabe passen sollte. Das entlastet die Führungsebene und kann besonders bei der Anleitung neuer Mitarbeiter oder Auszubildender helfen.
Wissenschaftlich ist die Wirkung des Modells kaum belegt. Auch die Einschätzung der Reife bleibt schwierig. Sie hängt stark von der Wahrnehmung der Führungskraft ab. Hinzu kommt, dass sich der Reifegrad je nach Aufgabe und im Zeitverlauf ändert. Der Führungsstil muss deshalb immer wieder neu angepasst werden.
Sinnvoll eingesetzt ist das Reifegradmodell deshalb ein Denkanstoß und kein starres Schema. Führungskräfte sollten die Reife ihrer Mitarbeiter nicht allein einschätzen, sondern im Gespräch mit ihnen klären. So lassen sich Fehleinschätzungen vermeiden und die Mitarbeiter fühlen sich ernst genommen. Wer das Modell auf diese Weise nutzt, kann es als Hilfsmittel für den Führungsalltag einsetzen, ohne sich auf seine Annahmen allein zu verlassen.



