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Rund 18 Millionen Beschäftigte in Deutschland arbeiten täglich im Büro. Auch wenn dort die Gefährdungen weniger unmittelbar erkennbar sind als auf der...

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Mit betrieblichem Altersmanagement erfahrene Mitarbeiter stärken

5 1 Beurteilungen
Ältere Mitarbeiter
Urheber: contrastwerkstatt | Fotolia

Von Uta Fuchs,

Die Generation der Babyboomer hat den 50. Geburtstag gefeiert – der demografische Wandel ist in den meisten deutschen Unternehmen angekommen. Damit entstehen neue Herausforderungen, denn es ist unbestritten, dass Menschen in der zweiten Hälfte ihrer Lebensarbeitszeit andere Bedürfnisse haben als Berufsanfänger. Gute Ideen sind gefragt, damit Unternehmen das Potenzial der „Best Ager“ voll ausschöpfen können. Arbeitsorganisation, Gesundheitsmanagement und Weiterbildung sind dabei drei Schlüsselbereiche. Nutzen Sie die folgenden Anregungen aus der Praxis, um selbst aktiv und kreativ zu werden.

Altern ist ein ganz individueller Prozess: Manch einer entdeckt schon mit Ende 20 die ersten grauen Haare auf dem Kopf. Und dann gibt es andere, die mit 70 noch auf den Kilimandscharo steigen.

Ab wann Beschäftigte als "ältere Arbeitnehmer" gelten, wurde bisher weder von Juristen noch von Arbeitswissenschaftlern definiert. Im Allgemeinen fallen Mitarbeiter ab 55 in die Kategorie "älter", in einzelnen Unternehmen zählen aber auch schon über 45-Jährige dazu.

Nun hat sich das Bild "der Alten" in den letzten Jahren gewandelt - seit immer mehr Deutsche immer älter werden, haben Unternehmen zumindest die Kaufkraft der junggebliebenen Rentner schätzen gelernt und immer häufiger ist die Rede von "Best Agern" oder "Silver Agern". Damit verschiebt sich die Wahrnehmung des Altwerdens in der Gesellschaft: 60 ist das neue 40.

Auch in einer Studie des GfK Marktforschungsinstituts äußerten sich die meisten Arbeitgeber positiv zu älteren Beschäftigten: Sie gelten als besonders erfahren (95 %), verantwortungsbewusst (94 %), loyal (87 %) und wirken positiv auf das Betriebsklima. Acht von zehn Unternehmen erleben, dass ältere Beschäftigte genauso produktiv sind wie die jüngeren und 70 % halten sie für ebenso innovativ.

Muskel-Skelett- und psychische Erkrankungen nehmen zu

Dennoch lässt es sich nicht leugnen, dass mit dem Alter die körperlichen Beschwerden zunehmen. Mit steigendem Alter sinkt zwar die Zahl der Ausfälle durch Unfälle. Ältere Beschäftigte leiden dagegen eher an Krankheiten des Skeletts, der Muskeln und des Bindegewebes: Bei den 50- bis 64-Jährigen sind dies beinahe ein Drittel der Krankheitsfälle und mehr als ein Drittel der Krankheitstage. Sie führen, ebenso wie Kreislauferkrankungen zu einer hohen Zahl von Frühverrentungen

Noch dramatischer ist allerdings die Zahl der Ausfälle als Folge von psychischen Erkrankungen: Über 74.000 Beschäftigte mussten deshalb allein 2015 ihre Arbeit aufgeben, in den Vorjahren lagen die Zahlen in einem ähnlichen Bereich. Damit sorgen psychische Belastungen für über 40 Prozent der Fälle von Frühverrentung. Vor 25 Jahren waren es noch etwa 15 Prozent.

Herausforderung 1: Wie ältere Mitarbeiter auf psychische Belastungen reagieren und was Sie unternehmen können

Nun verbindet man mit dem Altern allgemein die Vorstellung, dass Lebens- und Berufserfahrung wachsen und es leichter sei, den Schwierigkeiten des (Arbeits-)Lebens zu begegnen. Das scheint jedoch - wie u. a. die Zahlen zur Frühverrentung zeigen - nicht automatisch zu funktionieren.

Empfehlung: Gerade weil die Zahl der Betroffenen so groß ist, lohnt es sich für Unternehmen, hier aktiv zu werden. Der erste Schritt ist es, psychische Belastungen in die Gefährdungsbeurteilung zu integrieren. Das schreibt auch der Gesetzgeber vor, dennoch zögern viele Unternehmen bei der Umsetzung. Auch wenn das eine anspruchsvolle Aufgabe ist - werden Sie hier aktiv. Der BGM- Steuerungskreis sollte sich dafür einsetzen,

  • dass psychische Belastungen im Unternehmen systematisch identifiziert bzw. erfasst werden und
  • dass ein Maßnahmen-Konzept entwickelt wird, um diese Belastungen zu reduzieren.

Prüfen Sie, wie es um die folgenden Gefährdungsfaktoren in Ihrem Unternehmen bestellt ist. Diese Einflüsse nannten die Teilnehmer einer Studie der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) als größte psychische Risiken:

  • Umgang mit schwierigen Kunden, Patienten, Schülern etc. (58 %)
  • Zeitdruck (43 %)
  • Überstunden oder unregelmäßige Arbeitszeiten (23 %)
  • schlechte Kommunikation oder Zusammenarbeit innerhalb des Betriebs (17 %) 
  • Arbeitsplatzunsicherheit (15 %)

  • mangelnder Einfluss der Beschäftigten auf Arbeitstempo oder Arbeitsprozesse (13 %)
  • Diskriminierung, z. B. aufgrund von Geschlecht, Alter oder ethnischer Herkunft (2 %)

Beispiel: Fragen der Arbeitsorganisation lassen sich im Prinzip regeln. Dagegegen können Sie Tätigkeiten, bei denen der Umgang mit anderen Menschen im Vordergrund steht, weniger "durchplanen": Hier wird es immer wieder zu Konfliktsituationen kommen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass vor allem Beschäftigte im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen sowie im Dienstleistungssektor über Stress klagen und dass sich in diesen Bereichen die psychosozialen Erkrankungen häufen.

Während die meisten Unternehmen die Expertise für die Beurteilung technischer Risiken im Haus haben, fehlt dieses Know-how, wenn es um psychische Fragen geht. Das muss allerdings kein Problem sein: Es gibt zahlreiche externe Dienstleister, die sich auf genau diese Fragen spezialisiert haben. Während es in skandinavischen Ländern und z. B. den Niederlanden selbstverständlich ist, dass Unternehmen sich zu diesen Themen Spezialisten ins Haus holen, ist das in Deutschland immer noch die Ausnahme.

Egal, ob Sie die psychischen Gefährdungen für ältere Mitarbeiter selbst in die Hand nehmen oder einem Dienstleister übertragen: Sinnvoll ist es, zunächst in einer Pilotabteilung zu starten. Nutzen Sie eine der vier Methoden, um psychische Belastungen zu erkennen und besonders kritische Situationen zu identifizieren:

  1. Befragungen

  2. Beobachtungsverfahren
  3. Interviews

  4. Moderierte Workshops

Es lohnt sich hier tatsächlich, zwischen älteren und jüngeren Mitarbeitern zu unterscheiden - vor allem, weil psychische Belastungen auch viele außerbetriebliche Ursachen haben.

Das sind Ursachen, die zu einem großen Teil spezifisch für einen Lebensabschnitt sind. Deshalb helfen in der Konsequenz auch unterschiedliche Angebote, Belastungen zu reduzieren.

So planen Sie Weiterbildung altersspezifisch

Work-Life-Balance: Führungstraining, Elterntraining

Altere Mitarbeiter: Rückengesundheit, Krebsvorsorge, Burnout-Prävention

Für beide Zielgruppen: Arbeiten in altersgerechten Teams, Stressmanagement
, Zeitmanagement
, Ergonomie am Arbeitsplatz Herausforderung

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2: Wie Sie mit altersstabilen Arbeitsplätzen nachlassende körperliche Kräfte ausgleichen können

Auch wenn Alterungsprozesse individuell sehr unterschiedlich verlaufen - es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass die körperlichen Kräfte nachlassen. Darauf haben zuerst die großen Konzerne reagiert und untersucht, wie sie Fließbandarbeit altersstabil (bzw. alternsgerecht) gestalten können. Dabei ergab u. a. eine Untersuchung körperlicher Fähigkeiten von rund 70 Arbeitern eines Fahrzeugherstellers, dass nicht nur Extrembelastungen, sondern bereits mittlere Lastgewichte und sowie ungünstige statische Körperhaltungen ein Problem für ältere Mitarbeiter darstellen.

Es sind mitunter schon technisch relativ einfache Lösungen, die Mitarbeiter spürbar entlasten können. Der Schlüssel ist dabei stets eine ergonomische Gestaltung der Arbeitsplätze.

Damit Sie hier geeignete und wirkungsvolle Methoden einsetzen können, müssen Sie auch für diese Arbeitsplätze (und dabei speziell für die älteren Mitarbeiter) die Belastungen sorgfältig erfassen und analysieren.

Beispiel: Der Automobilzulieferer Continental erhöht kontinuierlich den Anteil altersstabiler Arbeitsplätze in der Produktion: Seit 2005 setzt das Unternehmen deutschlandweit ein präventives Ergonomieprojekt um. Mithilfe eines Belastungsdokumentsystems (BDS) werden Arbeitsplätze in der Produktion systematisch bewertet. Auf Basis dieser Ergebnisse passt das Unternehmen die Rahmenbedingungen so an, dass ältere Mitarbeiter länger am Erwerbsprozess teilnehmen können.

Technische Lösungen sind - wie stets im Arbeitsschutz - das erste Mittel, um Gefährdungen zu minimieren und Belastungen zu senken. Auch auf diesem Gebiet ist die Automobilbranche ein Vorreiter. So wurde in jüngster Zeit eine ganze Reihe technischer Lösungen getestet, die auch für andere Branchen oder kleinere Unternehmen nützlich sein können. Vielversprechende Beispiele sind u. a.:

  • Audi entwickelt Spezialhandschuhe: Mitarbeiter der Türenvormontage befestigen pro Schicht rund 300 Zierleisten. Das belastet besonders Handgelenke und -ballen. Mit dem Ingolstädter Orthopädietechnik-Spezialisten Spörer hat Audi einen Handschuh entwickelt, der wie eine medizinische Orthese entlastend und stabilisierend wirkt.
  • BMW druckt Daumenorthesen: Individuell angefertigte, flexible Daumenschützer aus dem 3-D-Drucker schützen den Daumen vor übermäßiger Belastung und Überstreckung. Das hilft u. a., wenn Mitarbeiter Stopfen aus Hartgummi in Karosserielöcher drücken.
  • Schöner sitzen bei VW: Auch die Wolfsburger greifen zum 3-D-Drucker. Sie haben einen besonders leichten Hocker entworfen, der höhenverstellbar und drehbar ist. Taschen für Kleinteile und Werkzeuge an den Seiten des Hockers erleichtern die Arbeit zusätzlich.
  • Chairless Chair bei Audi: Carbon-Stützen werden wie ein Exoskelett an der Rückseite der Beine getragen. Sensoren erkennen z. B. die Bewegung in Richtung Sitzen und dadurch versteifen sich die Gasdruckfedern so, dass man auf der Konstruktion sitzen kann.

Nicht jedes Unternehmen hat die Möglichkeit, solche Hightech-Lösungen einzusetzen. Denken Sie aber grundsätzlich an zwei Bereiche, mit denen Sie Arbeitsplätze altersstabil gestalten können:

  • Schaffen Sie mit zusätzlicher Beleuchtung die erforderliche Helligkeit.
  • Reduzieren Sie Lasten, setzen Sie z. B. Hebehilfen oder Haltevorrichtungen ein, um Skeletterkrankungen vorzugbeugen.

Herausforderung 3: Helfen Sie mit einem funktionierenden BEM älteren Mitarbeitern wieder an den Arbeitsplatz zurück

Wie die Zahlen am Anfang des Beitrags zeigen, müssen Sie bei steigendem Alter Ihrer Belegschaft auch mit längerdauernden Erkrankungen rechnen. Fallen Beschäftigte innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen aus - egal ob ununterbrochen oder durch mehrere kurze Erkrankungen -, haben sie Anspruch auf Unterstützung durch ein Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM). So ist es im Sozialgesetzbuch geregelt (§ 84 Abs. 2 SGB IX).

Damit Ihr Unternehmen seiner Verpflichtung gut nachkommen kann, sollte ein Integrationsteam gebildet und ein Standardprozess definiert werden. Bewährt haben sich dabei folgende Schritte:

  • Erfassen und Auswerten der Krankheitstage
  • Erstkontakt und Bedarf ermitteln, Erstgespräch
  • Fallmanagement, z. B. Arbeitsplatz analysieren, Maßnahmen zur Prävention und Rehabilitation planen
  • Wirksamkeitskontrollen und Abschluss des Verfahrens

Unternehmen sind verpflichtet, das BEM-Verfahren anzubieten, Beschäftigten ist es aber freigestellt, dieses Angebot anzunehmen - oder es abzulehnen.

Herausforderung 4: Nutzen Sie die Erfahrungen und helfen Sie älteren Mitarbeitern, neue Fähigkeiten zu erwerben

Empfehlung: Grundsätzlich ist es sinnvoll, wenn ein Mitglied des Integrationsteams als Fallmanager fungiert. So haben die Mitarbeiter einen Ansprechpartner für alle Fragen zu ihrer Wiedereingliederung. Um älteren Beschäftigten die Entscheidung für ein BEM zu erleichtern, kann es hilfreich sein, etwa gleichaltrige Personen als Fallmanager einzusetzen. Das macht es leichter, gesundheitliche Einschränkungen offen anzusprechen.

Weit oben auf der "Wunschliste" älterer Beschäftigter stehen Weiterbildung und Weitergeben von Erfahrungen. Um mit dem Wandel der Arbeitswelt Schritt zu halten, sind "weiche Kompetenzen" wie kritisches Denken, Kreativität oder emotionale Intelligenz gefragt. Stimmen Sie die Weiterbildungsangebote darauf ab und berücksichtigen Sie spezielle Bedürfnisse der "alten Hasen".

9 Angebote, die sich ältere Mitarbeiter im Betrieb wünschen

Die Bundesinitiative "Wirtschaftsfaktor Alter" hat nachgefragt, welche Maßnahmen sich ältere Mitarbeiter besonders wünschen. Die folgende Übersicht zeigt die wichtigsten Maßnahmen auf einen Blick. Sie finden die Zusammenstellung als Checkliste im Downloadbereich unserer Webseite www.bgm-im-fokus.de

  1. Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung: Sorgen Sie dafür, dass Vorgaben aus dem Arbeitsschutzgesetz, der Bildschirmarbeitsverordnung und der Arbeitsstättenverordnung konsequent umgesetzt werden.  
  2. Betriebliche Weiterbildungsangebote: Achten Sie hier auf das möglicherweise unterschiedliche Lerntempo und schaffen Sie Raum für verschiedene Lernmethoden.
  3. Altersgemischte Teams: Beide Seiten profitieren, wenn Erfahrung und frischer Blick kombiniert werden.
  4. Betriebliche Gesundheitsvorsorge: Auch hier bewähren sich alterspezifische Angebote (siehe Übersicht auf S. 6). Dabei muss gar nicht immer das "Etikett" speziell für ältere/ jüngere Mitarbeiter angebracht werden. Wenn Sie auf ein breites Angebot achten, das thematisch unterschiedliche Zielgruppen anspricht, können sich Mitarbeiter selbst ein passendes Angebot für ihre spezielle Situation aussuchen.
  5. Lebensarbeitszeitkonten: Hier profitieren auch Unternehmen, weil sie besser planen können.
  6. Entwicklungen und Verbesserungen: Ältere Mitarbeiter wollen ihre Erfahrungen in der Verbesserung von Prozessen und der Entwicklung von Projekten einbringen.
  7. Einsatz als Trainer, Ausbilder, Berater: Ältere Mitarbeiter wollen das Gefühl haben, dass ihre Erfahrungen zählen. Deshalb signalisieren sie Interesse daran, Jüngere zu betreuen und Kenntnisse im Unternehmen weiterzugeben.
  8. Herabsetzung der Arbeitsanforderungen: Es hilft, wenn körperlich anstrengende Arbeiten, einseitig belastende Tätigkeiten sowie hohe Leistungsvorgaben bei Arbeit unter Zeitdruck reduziert werden können. Belastungen durch die Arbeitsumgebung, wie z. B. schlechte Beleuchtung, werden besonders deutlich empfunden.
  9. Teilzeitangebote: Kürzere Arbeitszeiten verschaffen älteren Mitarbeitern Ruhephasen. Im Ergebnis profitiert das Unternehmen, weil Beschäftigte so insgesamt länger arbeiten können.

Empfehlung: Achten Sie darauf, so oft es geht, altersgemischte Teams zu bilden oder ältere Mitarbeiter als Mentoren einzusetzen. Studien zeigen, dass Ältere viel leistungsfähiger sind, wenn sie mit jüngeren Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten. Das Unternehmen profitiert, wenn Beschäftigte ihr Know-how weitergeben.

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