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42-Stunden-Woche: Effektivitätsboost oder Work-Life-Balance Killer?

In Deutschland und weltweit stehen die Arbeitszeiten zur Debatte. Während Gewerkschaften die Vier-Tage-Woche als Modell der Zukunft sehen, bringt eine andere Idee von Wirtschaftswissenschaftlern und Unternehmern Diskussionen mit sich: die 42-Stunden-Woche. Dieser Artikel wirft einen Blick auf das Konzept der 42-Stunden-Woche, beleuchtet, ob eine 42-Stunden-Woche rechtskonform wäre, erklärt die Pro- und Contra-Argumente sowie die Wahrscheinlichkeit seiner Umsetzung.
Inhaltsverzeichnis

Was versteht man unter der 42-Stunden-Woche?

Das Konzept der 42-Stunden-Woche besagt, dass die reguläre Wochenarbeitszeit in Deutschland von aktuell durchschnittlich 34,7 Stunden (Quelle: Eurostat) auf 42 Stunden pro Woche erhöht werden soll. Die Befürworter dieser Idee versprechen sich von einer Erhöhung der Wochenarbeitszeit eine Steigerung der Produktivität und ein Abebben des Fachkräftemangels in verschiedenen Branchen. Sie argumentierten, dass es durch den demografischen Wandel notwendig sein, längere Arbeitszeiten in Kauf zu nehmen.

Demografischer Wandel in Deutschland

Der demografische Wandel in Deutschland ist durch eine älter werdende Bevölkerung und eine sinkende Geburtenrate gekennzeichnet. In den nächsten Jahren gehen die Jahrgänge in Rente, die in den 1960-er Jahren geboren wurden. Diese Generation wird in Deutschland als „Babyboomer“ bezeichnet, da in dieser Zeit eine hohe Geburtenrate zu verzeichnen war.

Eine immer älter werdende Gesellschaft führt zu einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung und stellt somit eine große Herausforderung für die Wirtschaft dar. Wie das Statistische Bundesamt ausgibt, wird die Zahl der Menschen im Kernerwerbsalter zwischen 20 und 66 Jahren in den nächsten Jahren fortlaufend abnehmen.

2021 befanden sich 51,4 Millionen Menschen in Deutschland im Erwerbsalter zwischen 20 und 66 Jahren. 2050 schätzt man, dass die Zahl auf bis zu 44,6 Millionen Menschen sinken kann. Selbst bei einer sehr hohen Nettozuwanderung kann der aktuelle Stand der Erwerbstätigen bis 2050 nicht gehalten werden. Im Jahr 2070 geht man davon aus, dass im Vergleich zu den heutigen Zahlen bis zu 10 Millionen Erwerbstätige fehlen könnten.

Aufgrund des Rückgangs der arbeitsfähigen Bevölkerung ist absehbar, dass der Fachkräftemangel ein immer größeres Problem in vielen Branchen werden wird. Darüber hinaus führt der demografische Wandel zu einer stetig steigenden Belastung der sozialen Sicherungssysteme, insbesondere in den Bereichen der Renten- und Gesundheitsversorgung. Unternehmen müssen sich auf einen härteren Wettbewerb um junge Talente (war of talents) einstellen. Arbeitnehmer müssen länger arbeiten. Gleichzeitig wird es Einbußen bei der Rente geben. Überstunden werden weiter an der Tagesordnung sein.

Demnach wird es immer wichtiger, maßgeschneiderte Lösungsansätze für Arbeit und Rente zu finden, um die Auswirkungen auf die Wirtschaft und die sozialen Sicherungssysteme zu harmonisieren. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob eine 42-Stunden-Woche und längeres Arbeiten im Allgemeinen kurz- bis mittelfristig die Herausforderungen des demografischen Wandels positiv beeinflussen könnte.

Wäre eine 42-Stunden-Woche rechtlich überhaupt zulässig?

Das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) in Deutschland regelt, wie lange Arbeitnehmer pro Tag oder in einer Kalenderwoche in Deutschland einer Arbeit nachgehen dürfen. Im § 3 ArbZG wird die Höchstarbeitszeit für Arbeitnehmer wie folgt definiert:

  • “Die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer darf acht Stunden nicht überschreiten.”
  • “Sie kann auf bis zu zehn Stunden nur verlängert werden, wenn innerhalb von sechs Kalendermonaten oder innerhalb von 24 Wochen im Durchschnitt acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden.”

Aktuell wäre eine 42-Stunden-Woche aus arbeitsrechtlicher Sichtweise nicht zulässig. Vor einer Einführung einer Arbeitszeit von 42 Stunden pro Woche müsste das Arbeitszeitgesetz novelliert und angepasst werden.

Argumente dafür: Was spricht für die 42-Stunden-Woche?

Verschiedene Akteure aus der Wirtschaft und der Politik haben sich in letzter Zeit für die Einführung einer 42-Stunden-Woche ausgesprochen. Sie plädieren dafür, länger zu arbeiten, um dem Fachkräftemangel in Deutschland zu begegnen:

Siegfried Russwurm, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), äußerte im Juni 2022 “große Sympathie für eine optionale Erhöhung der Wochenarbeitszeit” auf 42 Stunden. Er sah darin eine leichter umsetzbare Lösung als eine Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre. (Quelle: Wirtschaftswoche 01.08.2022)

Der frühere SPD-Chef Sigmar Gabriel unterstützte Russwurms Vorstoß und fragte: “Wollen wir Menschen nicht lieber wieder mehr verdienen lassen, indem wir etwas länger arbeiten?” Er argumentierte, mit Zuwanderung allein lasse sich das Fachkräfteproblem nicht lösen. (Quelle: Der Spiegel 24.07.2022)

FDP-Chef Christian Lindner forderte im Juni 2022 ebenfalls “mehr Überstunden”, da Deutschland in einer “fragilen Lage” sei. Im Jahr 2024 argumentierte der Bundesfinanzminister: „Andere Länder arbeiten mehr als wir.“ (Quelle: ZDF Heute 18.04.2024).

Die Verfechter einer 42-Stunden-Woche sehen in diesem Arbeitszeitmodell vor allem die folgenden Vorteile:

  • Steigerung der Produktivität: Studien lassen vermuten, dass eine moderate Erhöhung der Arbeitszeit von 2 oder mehr Stunden pro Woche unter bestimmten Bedingungen zu einer Steigerung der Gesamtproduktivität führen kann. Dies gilt im Besonderen, wenn die Steigerung der Arbeitszeit mit effizienten Arbeitsmethoden und genügend Erholungsphasen kombiniert wird.
  • Wirtschaftswachstum: Eine Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit kann das Wirtschaftswachstum ankurbeln, indem sie die Gesamtarbeitsleistung erhöht.
  • Flexibilität in Arbeitsmodellen: Die Einführung einer 42-Stunden-Woche könnte Unternehmen auch dazu anregen, flexiblere Arbeitsmodelle zu entwickeln, die individuell auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter zugeschnitten sind.

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Argumente dagegen: Was sind die Nachteile einer 42-Stunden-Woche?

Vor allem die Gewerkschaften in Deutschland sind gegen die Einführung einer 42-Stunden-Woche. Der ehemalige Vorsitzende der Gewerkschaft Verdi, Frank Bsirske, hielt die Einführung einer 42-Stunden-Woche bereits im Jahr 2004 für “blanken Unsinn” und das “Falscheste, das man in der gegenwärtigen Situation tun muss.“

Die Gegner der 42-Stunden-Woche führen vor allem die folgenden Argumente an:

  • Verschlechterung der Work-Life-Balance: Die Ausweitung der Arbeitswoche auf 42 Stunden könnte die Work-Life-Balance vieler Arbeitnehmer negativ beeinflussen, da sie weniger Zeit für Familie, Freizeitaktivitäten und Erholung hätten.
  • Erhöhtes Risiko für Burn-out und gesundheitliche Probleme: Längere Arbeitszeiten sind in vielen Fällen mit einem erhöhten Risiko für stressbedingte Krankheiten, einschließlich Burn-out-Syndrom, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychischen Gesundheitsproblemen verbunden.
  • Mögliche Produktivitätseinbußen: Während eine längere Arbeitswoche kurzfristig zu einem Anstieg der Produktion führen kann, deuten einige Studien darauf hin, dass die Produktivität pro Stunde mit zunehmender Arbeitsdauer sinken könnte.

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Trend geht weg von der 42-Stunden-Woche – hin zur 4-Tage-Woche

Aktuell fordern die Gewerkschaften für viele Branchen eine Verkürzung der Arbeitszeiten oder eine Einführung der 4-Tage-Woche. Wie der Deutschlandfunk am 04.10.2023 berichtete, forderte die IG-Metall für die Tarifrunde der nordwestdeutschen Stahlindustrie eine Lohnerhöhung von 8,5 Prozent und eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit auf 32 Stunden bei vollem Lohnausgleich. Andere Gewerkschaften schließen sich der Forderung nach einer 4-Tage-Woche an.

Wie wahrscheinlich ist eine 42-Stunden-Woche?

Angesichts der breiten Ablehnung in der Bevölkerung und dem zunehmenden Interesse an flexibleren Arbeitszeitmodellen wie der Vier-Tage-Woche scheint die Einführung einer 42-Stunden-Woche in Deutschland unwahrscheinlich. Die Zukunft der Arbeit fokussiert sich vor allem auf eine höhere Flexibilität, eine bessere Work-Life-Balance sowie auf die Nutzung von Technologie zur Effizienzsteigerung. Eine einfache Erhöhung der Arbeitsstunden findet aktuell keinen breiten Konsens.

Wie stehen die Deutschen zur 42-Stunden-Woche?

Eine Umfrage der Wirtschaftswoche aus dem Jahr 2022 zeigt, dass fast drei Viertel der Deutschen eine 42-Stunden-Woche ablehnen.

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